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Brauchen wir als Gesellschaft überhaupt noch Pferde?!

 

 

 

So lautete der Titel eines Online-Webinars an dem ich neulich teilgenommen habe und ich war doch erstaunt was dort so diskutiert wurde.

Erst einmal ist es Fakt, das immer mehr Reitschulen schließen, das die Zucht massiv zurück geht und der Pferdeverkauf gefühlt nicht mehr stattfindet. In den sozialen Medien häufen sich die Postings zu gewerbliche Pferdehaltung muss besser bezahlt werden, Reitstunden müssen immer teurer werden und der Einsatz der Stallbetreiber muss endlich mehr wertgeschätzt werden. Teilweise bin ich da als Stallbetreiber absolut dabei!

Doch interessanterweise gibt es genau diese Diskussion in einem anderen starken dem Freizeitreiten nahen Reiterverband scheinbar gar nicht. Und es gibt auch Pferderassen, die sich nach wie vor sehr gut verkaufen. Das macht mich doch sehr nachdenklich und ich möchte diese Gedanken einmal mit Euch teilen. Selbstverständlich würde ich mich über eine rege, wertschätzende Diskussion dazu hier auch freuen. Also nehmt Euch doch einmal die Zeit und schreibt mir Eure Meinung, Erfahrung, Gedanken in die Kommentare.

Zunächst einmal komme ich noch aus einer Generation, wo Pferdehaltung absoluter LUXUS war und bei weitem nicht jeder reiten lernen oder ein Pferd besitzen konnte. War das schlimm für uns Pferdemädchen? Ja es war sicher frustrierend manches Mal..ABER!!

Der Wunsch Reiten zu lernen konnte sich trotzdem erfüllen! Es gab bezahlbare Reitvereine, die die Möglichkeit von Schulpferden und Unterricht anboten. Es gab die Möglichkeit sich Reitstunden durch Mithilfe im Stall oder z.B. bei der Betreuung jüngerer Reitkinder zu erarbeiten. Es gab auch tolerante Privatpferdebesitzer, die uns die Möglichkeit gaben auf Ihren Pferden Unterricht zu nehmen und sogar an Turnieren teilzunehmen. Auch das mussten wir uns durch Zuverlässigkeit und Mithilfe erarbeiten! Außerdem haben wir unser Taschengeld für die Reitstunden gespart, uns zum Geburtstag und zu Weihnachten Reitstunden ( und manchmal auch ein Pferd oder Pony)gewünscht. Und das machte den Wunsch Reiten zu lernen wertvoll für uns.

Was haben wir dabei gelernt?

Wenn Du etwas erreichen möchtest, gibt es immer einen Weg. Wenn Du fleißig, zuverlässig und verantwortungsbewußt bist, vertraut man Dir auch mal ein Pferd an. Wenn die ganze Truppe im Stall gemeinsam anpackt, dann kann man Ziele erreichen, gemeinsam Spaß haben und Gemeinschaft erleben. Natürlich war auch da nicht immer alles golden, aber dann musste man eben schon früh lernen eigene Entscheidungen zu treffen und sich abzugrenzen oder klar zu artikulieren. Die Eltern blieben in der Regel außen vor. Das machte uns zu starken und resilienten Mitmenschen. Und wir haben durchgezogen! Wir wollten reiten und die Magie der Pferde erleben. Viele aus meiner damaligen Umgebung wurden jahrelange Pferdemenschen, die bis heute durchaus auch immer bereit waren und sind Opfer zu bringen. Weniger Urlaub, weniger Geld für sonstigen Luxus, weniger Freizeit für etwas anderes als das Pony usw.

Gesellschaftliche Veränderungen gab es in den 30 Jahren unseres Bestehens immer. So gab es in den 80ern und 90ern den absoluten Pferdeboom im Breitensport und Freizeitbereich. Da schossen an gefühlt jeder Ecke Ställe aus dem Boden und Landwirte setzten auf Pferdehaltung. Manchmal mit zweifelhaftem Ergebnis. Dann kam die Laufstallarbeitsgemeinschaft und die Pferdehaltung verbesserte sich hinsichtlich mehr Auslauf und weniger Boxenhaltung. Dafür war das Pony auch schon mal reichlich nass und matschig wenn man reiten wollte – aber möglicherweise glücklicher?!

Und heute? Gefühlt möchte jeder das instagrammable Optimum für sein Pferd. Und genau da sehe ich ein Riesenproblem! Kaum noch jemand möchte sich die Finger schmutzig machen und wirklich für und mit seinem Pferd leben. Gut, das ist jedermans gutes Recht –

ABER _ dann darf der Pferdefreund auch nicht jammern!

Denn dann wird Pferdehaltung wieder zu einem unerreichbaren Luxusgut und die breite Masse der Pferdefreunde fällt hinten herunter. Denn eine solche möglichst optimierte ( und zwar für Mensch – gaaanz wichtig!- und Pferde)Haltung muss heute richtig Geld kosten. Und dann werden auch Reitstunden immer teurer, denn Schulpferde kosten die Betriebe mittlerweile soviel Geld wie nie – jeder der sich damit beschäftigt weiß warum. Und dazu kommt noch, das die allgemeinen Lebenshaltungskosten immer teurer werden, die Menschen/Kinder vermeintlich kaum noch Zeit haben und der allgemeine Druck zum Perfektionismus immer größer wird. Ich möchte Euch einladen dieses Szenario einmal zu hinterfragen. Und zwar dahingehend was wir wirklich brauchen für uns und unsere Psyche und auf was wir locker verzichten können und was dies wohl mit uns machen könnte und natürlich mit unseren Kids!

Ach ja und dann tauchen immer Äußerungen auf wie ..das ist mein letztes Pferd..ist alles zu teuer und schwierig geworden!

Ist das vielleicht für den ein oder anderen eine passende Ausrede? Oder Zeichen für sinnvolle Verantwortung fürs Pferd und Zeichen für eine alternde Gesellschaft wo die Ü60-Jährige gute Gründe für eine solche Aussage hat? Ein spannendes Thema welches auch mich schon eine Weile umtreibt…dazu ein andermal mehr!

Soweit in Kürze die IST-Situation angesprochen – doch wie könnte es denn weitergehen? Und brauchen wir als Gesellschaft das Pferd noch!? Ich finde ja unbedingt! Mit neuen, alten Konzepten. Als Freizeit und evtl Sportpartner, unbedingt aber als Hilfe zur Werteerziehung, zum Coaching und als Mittler zwischen der digitalen und analogen Wirklichkeit.

Ich sage nur meditatives Fegen, während die Ponys ihr Heu mümmeln

Wir brauchen andere Wege, kreative Konzepte, Sponsoren und leidenschaftliche bodenständige Pferdemenschen mit Verstand und Zeit, die bereit sind für die Pferde auf andere Dinge zu verzichten. Ich weiß das es solche Betriebe gibt und das sie funktionieren können. Für alle Beteiligten.

Was denkt ihr dazu? Schreibt es mal in die Kommentare! Bis dahin see and feel

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