Warum die Begegnung mit Pferden auch ohne Sattel wertvoll ist – und welche neuen Chancen sich daraus für Pferdebetriebe ergeben.
In den letzten beiden Beiträgen unserer Reihe „Pferdemomente“ haben wir uns mit den Spät- und Wiedereinsteigern in den Reitsport beschäftigt. Heute möchte ich mich einer dritten, mindestens ebenso interessanten Gruppe widmen.
Menschen, die Pferde lieben, aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht reiten können oder möchten.
Das betrifft Erwachsene jeden Alters, ganz besonders aber auch Menschen in der zweiten Lebenshälfte. Menschen, die vielleicht früher einmal geritten sind, die sich schon immer zu Pferden hingezogen fühlten oder die einfach auf der Suche nach etwas Besonderem sind.
Für sie bedeutet das Zusammensein mit Pferden vor allem eines: Qualitytime. Wertvolle Zeit, die guttut.
Und für Pferdebetriebe und Reitschulen könnte genau hier eine interessante neue Kundengruppe entstehen.
Vorausgesetzt natürlich, wir haben Angebote, die diese Menschen auch wirklich ansprechen.
Was suchen Menschen, die nicht reiten möchten?
Meiner Erfahrung nach sind es vor allem Ruhe, Entspannung, Naturerlebnisse und die Möglichkeit, einmal aus dem Alltag auszusteigen.
Viele Menschen stehen beruflich und privat unter einem enormen Druck. Termine, Verpflichtungen, Erwartungen und die ständige Erreichbarkeit lassen kaum noch Raum, einfach einmal nichts leisten zu müssen.
Und genau hier können Pferde etwas ganz Besonderes bieten.
Es geht nicht darum, möglichst schnell etwas zu lernen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen oder eine Leistung zu erbringen.
Es geht darum, da zu sein. Wahrzunehmen. Zu beobachten. Zu fühlen.
Natürlich gehören auch einige Grundlagen im Umgang mit Pferden dazu. Wie nähere ich mich einem Pferd? Wie putze und führe ich es? Worauf muss ich achten, damit Mensch und Tier sich sicher und wohlfühlen?
Aber all das lässt sich wunderbar ohne Leistungsdruck vermitteln.
Und vielleicht entdecken wir dabei Menschen, die anschließend gerne regelmäßig in den Stall kommen möchten.
Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, bei der Stallarbeit helfen oder vielleicht sogar eine Pflegebeteiligung für ein älteres Schulpferd übernehmen.
Aus Menschen, die Pferde mögen, können auf diese Weise echte Pferdemenschen werden.
Und das ist doch ein wunderbarer Gedanke!
Manchmal schließt sich der Kreis ganz von allein
Gerade hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer Pflegekraft.
Sie möchte für die Gäste ihrer Tagespflege Begegnungen mit Pferden ermöglichen und hatte sich deshalb bei uns gemeldet.
Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie früher selbst geritten ist. Aus gesundheitlichen Gründen ist das momentan allerdings nicht möglich.
Ich erzählte ihr von unseren Pferdemomenten für Menschen, die nicht reiten möchten.
Und plötzlich war da nicht nur die Idee für ihre Tagespflegegäste, sondern auch der Wunsch, selbst einmal zu kommen.
Ist das nicht schön?
Aus einer Anfrage für ein Angebot entsteht möglicherweise ein ganz neuer Kontakt. Ein Mensch entdeckt die Pferde für sich wieder, und vielleicht ergeben sich daraus weitere Begegnungen.
So können sich für Pferdebetriebe ganz neue Wege eröffnen.
Neue Angebote brauchen manchmal nur einen anderen Blickwinkel
Wir müssen gar nicht immer riesige Investitionen tätigen oder völlig neue Einrichtungen schaffen.
Oft sind die Möglichkeiten bereits vorhanden. Wir müssen sie nur erkennen und sinnvoll nutzen.
Nehmen wir beispielsweise einen Pferdebesitzer, der sein Pferd aus persönlichen oder gesundheitlichen Gründen nicht mehr reiten kann oder möchte.
Vielleicht gibt es eine passende Reit- oder Pflegebeteiligung. Vielleicht eignet sich das Pferd aber auch für einzelne, sorgfältig abgestimmte Angebote mit Menschen, die Pferde erleben möchten.
Selbstverständlich nur, wenn das Pferd dafür geeignet ist, der Besitzer einverstanden ist und die Betreuung fachlich abgesichert ist.
Für den Besitzer könnte sich daraus eine Entlastung ergeben. Das Pferd erhält zusätzliche Aufmerksamkeit und Versorgung, und möglicherweise muss der Besitzer an einem Tag nicht selbst zum Stall fahren.
Eine Situation, von der mehrere Beteiligte profitieren können.
Oder nehmen wir unser neues Stall-Atelier.
Hier treffen sich Menschen, um zwei Stunden in der besonderen Atmosphäre des Stalls zu malen, zu schreiben oder einfach kreativ zu sein.
Sie können den Pferden lauschen, die Geräusche und Gerüche wahrnehmen, zur Ruhe kommen und sich eine kleine Auszeit gönnen.
Niemand muss reiten. Niemand muss irgendetwas können.
Vielleicht entsteht dabei ganz von selbst der Wunsch, den Pferden näherzukommen.
Und beim nächsten Mal geht es dann vielleicht zu einem gemeinsamen Naturspaziergang mit dem Pony.
Bodenarbeit – Begegnung auf Augenhöhe
Auch die Bodenarbeit bietet wunderbare Möglichkeiten.
Spielerisch mit dem Pferd kommunizieren, Vertrauen entwickeln, die eigene Körpersprache entdecken und erleben, wie fein Pferde auf unsere Ausstrahlung reagieren.
Das ist nicht nur für Reiter interessant!
Mit geeigneten, gut ausgebildeten Lehrpferden lassen sich daraus abwechslungsreiche Angebote für Menschen ohne Reitwunsch gestalten.
Und ganz nebenbei lernen die Teilnehmer etwas über sich selbst.
Wie wirke ich auf andere? Wie klar bin ich in meiner Kommunikation? Kann ich geduldig sein? Kann ich mich auf ein anderes Lebewesen einstellen?
Aber auch hier gilt für mich:
Kein Druck. Kein Müssen. Keine Erwartungen an eine bestimmte Leistung.
Im Mittelpunkt stehen das entspannte Erleben, die Freude an der Begegnung und das gemeinsame Miteinander.
Ein Dinner in der Stallgasse?
Vor Kurzem besuchte uns eine ehemalige Einstellerin und brachte eine weitere interessante Idee mit.
Wie wäre es mit einem Dinner in der Stallgasse?
Ein schön gedeckter Tisch, eine besondere Atmosphäre, interessante Gespräche und die Pferde ganz in der Nähe.
Natürlich müsste eine solche Veranstaltung so organisiert werden, dass die Pferde nicht gestört werden und ihre gewohnten Abläufe und Ruhezeiten erhalten bleiben.
Aber die Idee gefällt mir!
Denn sie zeigt, wie unterschiedlich die ersten Berührungspunkte mit der Pferdewelt sein können.
Vielleicht kommt jemand zunächst nur wegen des außergewöhnlichen Ambientes.
Und entdeckt dabei eine Faszination, die ihn später zu einem unserer anderen Angebote führt.
Manchmal beginnt eine besondere Beziehung eben nicht auf dem Pferderücken, sondern ganz unspektakulär bei einer Tasse Kaffee, einem Spaziergang oder einem Gespräch in der Stallgasse.
Warum Pferdebetriebe in Zukunft kreativer werden müssen
Ich glaube fest daran, dass Pferde unserer gestressten Gesellschaft unglaublich viel geben können.
Ruhe. Nähe. Naturerlebnisse. Freude. Gemeinschaft.
Und manchmal einfach das Gefühl, für einen Moment ganz bei sich selbst sein zu dürfen.
Natürlich immer unter Berücksichtigung der Bedürfnisse unserer Pferde. Sie sind schließlich keine beliebig einsetzbaren Dienstleister, sondern Lebewesen mit eigenen Ansprüchen.
Und ebenso selbstverständlich müssen die Angebote wirtschaftlich tragfähig sein.
Denn eines wird aus meiner Sicht immer deutlicher:
Der klassische Reitschulbetrieb steht vor großen Herausforderungen.
Steigende Kosten, hohe Anforderungen an geeignete Lehrpferde, Personal und Sicherheit sowie veränderte Erwartungen der Kunden machen die wirtschaftliche Situation nicht einfacher.
Eine klare Positionierung ist deshalb wichtig.
Allerdings sehe ich auch ein Risiko darin, sich ausschließlich auf eine oder zwei sehr kleine, spezialisierte Kundengruppen zu konzentrieren.
Was passiert, wenn sich die Nachfrage verändert?
Wenn eine Zielgruppe wegbricht oder ein Angebot plötzlich nicht mehr ausreichend gebucht wird?
Genau deshalb gefällt mir unser ganzheitliches Konzept so gut.
Ein Pferdebetrieb für viele Generationen
Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Wiedereinsteiger, Späteinsteiger, Senioren und Menschen, die überhaupt nicht reiten möchten.
Sie alle können auf ganz unterschiedliche Weise von Begegnungen mit Pferden profitieren.
Und das Schöne daran ist, dass sich viele Angebote miteinander verbinden lassen.
Aus einem ersten Kennenlernen kann ein regelmäßiger Besuch werden. Aus einem Spaziergang entsteht vielleicht Interesse an Bodenarbeit. Aus einer kreativen Auszeit im Stall entwickelt sich eine Pflegebeteiligung.
Vielleicht begegnen sich dabei auch Menschen unterschiedlicher Generationen, die sonst kaum Berührungspunkte hätten.
Es entsteht Gemeinschaft.
Und genau die ist in unserer Gesellschaft, aber auch in vielen Pferdebetrieben, ein Stück weit verloren gegangen.
Ich wünsche mir deshalb Pferdebetriebe, die nicht ausschließlich Orte für Reitunterricht und Pferdehaltung sind.
Sondern Orte der Begegnung.
Orte, an denen Menschen mit und ohne Reitwunsch willkommen sind. An denen Wissen vermittelt, Verantwortung übernommen und gemeinsam Zeit verbracht wird.
Natürlich braucht ein solches Konzept gute Organisation, passende Pferde, qualifizierte Betreuung und eine vernünftige wirtschaftliche Planung.
Aber es bietet auch Chancen, vorhandene Ressourcen besser zu nutzen, neue Kunden anzusprechen und langfristige Beziehungen aufzubauen.
Vielleicht liegt die Zukunft vieler Pferdebetriebe nicht darin, immer mehr Reitstunden anzubieten, sondern darin, mehr Menschen den Zugang zur Pferdewelt zu ermöglichen.
Und zwar auf ganz unterschiedliche Weise.
Ich finde, das ist ein Weg, über den es sich nachzudenken lohnt.
Wie seht ihr das?
Könntet ihr euch vorstellen, Menschen ohne Reitwunsch solche Pferdemomente anzubieten? Oder habt ihr vielleicht selbst schon Erfahrungen mit ganz anderen Angeboten rund ums Pferd gemacht?
Schreibt mir eure Gedanken und Ideen gerne in die Kommentare.
Ich bin gespannt, welche kreativen Möglichkeiten wir gemeinsam entdecken!
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