Pferdemomente für Jugendliche und junge Erwachsene – Mut, Vertrauen und Selbstwirksamkeit erleben
Warum Pferde gerade jungen Menschen so viel mit auf ihren Lebensweg geben können
In meiner Reihe „Pferdemomente“ habe ich mich in den letzten Wochen mit ganz unterschiedlichen Altersgruppen beschäftigt. Mit Wiedereinsteigern, Späteinsteigern, Senioren und Menschen, die Pferde erleben möchten, ohne unbedingt reiten zu wollen.
Heute möchte ich mich einer weiteren Gruppe widmen, die mir besonders am Herzen liegt: Jugendliche und junge Erwachsene ab etwa 16 Jahren.
Und dabei geht es mir weniger um klassischen Reitunterricht als vielmehr um die Frage, was junge Menschen im Umgang mit Pferden über sich selbst, über andere Menschen und über das Leben lernen können.
Denn ich glaube, dass wir gerade hier als Pferdebetriebe eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe übernehmen können.
Erwachsenwerden in einer Welt voller Herausforderungen
Jung zu sein war vermutlich noch nie ganz einfach. Aber die Herausforderungen haben sich verändert.
Leistungsdruck in Schule und Ausbildung, Zukunftsängste, soziale Medien, ständige Vergleichsmöglichkeiten und eine Welt, die gefühlt immer schneller und unübersichtlicher wird, begleiten viele Jugendliche täglich.
Gleichzeitig erwarten wir von ihnen, dass sie selbstständig werden, Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen, mit anderen Menschen zusammenarbeiten und ihren Platz in der Gesellschaft finden.
Aber wo und wie lernen sie das eigentlich?
Natürlich in der Familie, in der Schule, in Vereinen und im Freundeskreis. Doch viele wichtige Fähigkeiten lassen sich nicht allein durch Erklärungen oder theoretisches Wissen erwerben.
Selbstvertrauen entsteht durch Erfahrungen. Mut wächst, wenn wir Herausforderungen bewältigen. Und Selbstwirksamkeit erleben wir dann, wenn wir merken: Ich kann mit meinem eigenen Handeln etwas verändern.
Genau hier sehe ich ein enormes Potenzial in der Arbeit mit Pferden.
Was ein Pferd uns über Vertrauen beibringen kann
Stellen wir uns einmal eine Gruppe junger Menschen vor, die wenig oder überhaupt keine Erfahrung mit Pferden haben.
Ein Mädchen sitzt zum ersten Mal auf einem ruhigen, gut ausgebildeten Pferd. Ohne Sattel, aber mit einem geeigneten Gurt zum Festhalten. Neben ihr geht eine Freundin, die das Pferd unter fachlicher Anleitung führt. Eine erfahrene Trainerin sichert die Situation ab.
Für Außenstehende sieht das vielleicht nach einer ganz einfachen Übung aus.
Für die beiden jungen Frauen kann es jedoch eine unglaublich intensive Erfahrung sein.
Die eine muss lernen, loszulassen, sich auf das Pferd einzulassen und ihrer Freundin zu vertrauen. Die andere übernimmt Verantwortung. Sie muss aufmerksam sein, Sicherheit vermitteln, klar kommunizieren und gleichzeitig auf das Pferd achten.
Vielleicht hat die Reiterin zunächst Angst. Vielleicht ist die Führende unsicher, ob sie dieser Aufgabe gewachsen ist.
Und dann gelingt es.
Ein paar Schritte, ein ruhiger Atemzug, ein Lächeln.
Plötzlich ist da dieses wunderbare Gefühl: Wir haben das gemeinsam geschafft!
Solche Momente können viel bedeutsamer sein als die Frage, ob jemand anschließend besonders gut reiten kann.
Wichtig ist dabei immer, dass die Herausforderung zum Menschen und zum Pferd passt. Niemand muss seine Angst überwinden, indem er überfordert wird. Manchmal besteht der größte Mut darin, eine Grenze zu benennen und trotzdem einen kleinen nächsten Schritt zu wagen.
Strukturen kennenlernen – Verantwortung übernehmen
Auch die scheinbar alltäglichen Arbeiten rund um das Pferd bieten wunderbare Lernmöglichkeiten.
Ein Pferd von der Weide holen, es sicher führen, putzen, die Ausrüstung vorbereiten und anschließend wieder ordentlich versorgen.
Das alles folgt bestimmten Abläufen und Regeln.
Für erfahrene Pferdemenschen sind diese Tätigkeiten selbstverständlich. Für Jugendliche, die solche Strukturen vielleicht noch nicht kennen, können sie eine echte Herausforderung darstellen.
Es geht darum, sich eine Reihenfolge zu merken, aufmerksam zu bleiben, Aufgaben zuverlässig zu erledigen und zu erkennen, warum bestimmte Regeln notwendig sind.
Und es geht um etwas, das mir besonders wichtig ist: Verantwortung für ein anderes Lebewesen zu übernehmen.
Das Pferd kann nicht einfach warten, weil ich gerade keine Lust habe. Es hat Bedürfnisse, auf die ich Rücksicht nehmen muss.
Ich lerne, meine eigenen Wünsche auch einmal zurückzustellen.
Ich lerne, dass Sorgfalt und Zuverlässigkeit keine lästigen Pflichten sind, sondern Ausdruck von Respekt.
Und ich erfahre, dass ich mit meinem Verhalten unmittelbar etwas bewirken kann.
Raus aus der Komfortzone – aber bitte mit Gefühl!
Ein wichtiger Bestandteil erlebnispädagogischer Arbeit ist die Begegnung mit Herausforderungen.
Dabei geht es nicht um möglichst spektakuläre Mutproben.
Ganz im Gegenteil.
Für einen Jugendlichen kann es bereits eine große Überwindung sein, ein Pferd anzufassen. Ein anderer traut sich vielleicht nicht, vor der Gruppe eine Aufgabe zu erklären. Wieder jemand anderes hat Schwierigkeiten, Verantwortung zu übernehmen oder Hilfe anzunehmen.
Hier können wir mit kleinen, gut vorbereiteten Übungen arbeiten.
Vielleicht soll ein Pferd gemeinsam durch einen einfachen Bodenarbeitsparcours geführt werden. Vielleicht müssen zwei Teilnehmer eine Aufgabe lösen, ohne dabei miteinander zu sprechen. Oder eine Gruppe überlegt, wie sie ein Hindernis gemeinsam bewältigen kann, ohne das Pferd zu bedrängen.
Es gibt dabei nicht immer nur einen richtigen Lösungsweg.
Viel wichtiger ist die anschließende Reflexion:
Was hat funktioniert? Wo gab es Schwierigkeiten? Wer hat Verantwortung übernommen? Haben wir einander zugehört? Und wie hat das Pferd auf unser Verhalten reagiert?
So wird aus einer einfachen Übung eine Erfahrung, die sich auf viele andere Lebensbereiche übertragen lässt.
Was Pferde mit den sogenannten Soft Skills zu tun haben
Wenn wir uns anschauen, welche Fähigkeiten Arbeitgeber heute und in Zukunft von jungen Menschen erwarten, begegnen uns immer wieder ähnliche Begriffe:
- Teamfähigkeit und Kommunikation
- Eigeninitiative und Verantwortungsbewusstsein
- Zuverlässigkeit und Selbstorganisation
- Problemlösungsfähigkeit und Flexibilität
- Einfühlungsvermögen und Konfliktfähigkeit
- Belastbarkeit und die Bereitschaft, Neues zu lernen
Das sind Fähigkeiten, die sich nicht allein durch gute Schulnoten nachweisen lassen.
Natürlich kann ein Nachmittag mit Pferden keine Berufsausbildung ersetzen. Aber er kann einen Erfahrungsraum schaffen, in dem genau diese Kompetenzen geübt und bewusst wahrgenommen werden.
Wer ein Pferd sicher führen möchte, muss lernen, seine Aufmerksamkeit zu bündeln.
Wer gemeinsam mit anderen eine Aufgabe lösen möchte, muss kommunizieren.
Wer ein verunsichertes Pferd begleitet, braucht Geduld und Einfühlungsvermögen.
Und wer nach einem misslungenen Versuch nicht aufgibt, sondern eine neue Lösung sucht, trainiert seine Fähigkeit, mit Schwierigkeiten umzugehen.
Das Pferd ist dabei kein Lehrer, der menschliche Fähigkeiten bewertet. Es ist ein fühlendes Lebewesen, dessen Reaktionen uns Anlass geben, genauer hinzusehen und über unser eigenes Verhalten nachzudenken.
Sehen und fühlen statt ständig funktionieren
Ein weiterer Punkt liegt mir besonders am Herzen.
Viele junge Menschen verbringen einen großen Teil ihres Tages in digitalen Welten. Sie kommunizieren über Bildschirme, vergleichen sich mit anderen und sind ständig erreichbar.
Dabei gehen manchmal ganz einfache Erfahrungen verloren.
Wie fühlt es sich an, mit einem großen, warmen Tier in Ruhe zusammenzustehen?
Wie verändert sich meine Wahrnehmung, wenn ich nicht auf mein Handy schaue, sondern auf die Ohren, die Atmung und die Körpersprache eines Pferdes achte?
Was passiert, wenn ich einfach einmal nichts leisten muss?
Wenn ich nur beobachten, fühlen und wahrnehmen darf?
Unser Ansatz „Sehen und Fühlen“ passt hier ganz wunderbar.
Denn Pferde laden uns dazu ein, im gegenwärtigen Moment anzukommen. Sie haben ihre eigenen Bedürfnisse und reagieren auf ihre Umwelt. Wer mit ihnen umgehen möchte, muss lernen, genauer hinzusehen und zuzuhören – auch ohne Worte.
Das kann ein wohltuender Gegenpol zu einem Alltag sein, der häufig von Tempo, Reizen und Erwartungen geprägt ist.
Rücksicht und Respekt – vom Pferd zur menschlichen Gemeinschaft
Besonders spannend finde ich die Übertragung der Erfahrungen auf menschliche Gruppen.
Was bedeutet es eigentlich, die Grenzen eines anderen Lebewesens zu respektieren?
Wie erkenne ich, dass mein Gegenüber sich unwohl fühlt?
Muss ich immer meinen Willen durchsetzen?
Oder kann ich mein Ziel vielleicht viel besser erreichen, wenn ich Rücksicht nehme, meine Kommunikation verändere und meinem Gegenüber Zeit gebe?
Im Umgang mit Pferden lassen sich solche Fragen ganz praktisch erleben.
Und anschließend können wir gemeinsam überlegen, was diese Erfahrungen mit unserem Alltag zu tun haben.
Mit Freundschaften, mit der Familie, mit Schule und Ausbildung oder mit der späteren Zusammenarbeit im Beruf.
Natürlich funktioniert die Übertragung nicht automatisch. Erst durch gute Begleitung, Gespräche und Reflexion können aus den Erlebnissen wichtige Erkenntnisse entstehen.
Aber genau darin liegt für mich die Stärke einer fundierten Erlebnispädagogik mit Pferden.
Neue Angebote für Schulen, Jugendtreffs und Ferienzeiten
Ich sehe in diesem Bereich auch interessante Perspektiven für Pferdebetriebe, die ihr Angebot erweitern möchten.
Warum nicht gemeinsam mit weiterführenden Schulen, Berufskollegs, Jugendtreffs oder Trägern der Jugendhilfe spezielle Projekttage entwickeln?
Dabei könnten ganz unterschiedliche Themen im Mittelpunkt stehen:
„Mutig sein – eigene Grenzen entdecken“
Ein Angebot, bei dem Jugendliche in ihrem eigenen Tempo neue Erfahrungen sammeln, Ängste erkennen und kleine Herausforderungen bewältigen.
„Gemeinsam schaffen wir das!“
Ein erlebnispädagogischer Tag rund um Kommunikation, Vertrauen, Teamarbeit und gemeinsame Problemlösungen.
„Ich kann das!“ – Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit erleben
Hier stehen selbstständiges Handeln, Verantwortung und das Erkennen eigener Fähigkeiten im Vordergrund.
„Offline im Stall – Natur, Pferde und echte Begegnungen“
Ein bewusster Ausstieg aus dem digitalen Alltag mit Elementen der Naturpädagogik, Achtsamkeit und einfachen Aufgaben rund ums Pferd.
Solche Konzepte lassen sich sowohl für feste Gruppen als auch für Ferienprogramme entwickeln.
Gerade mehrtägige Ferienangebote für Selbstzahler könnten eine interessante Ergänzung sein. Denn sie ermöglichen es, Erfahrungen zu vertiefen, Vertrauen aufzubauen und persönliche Entwicklungen über mehrere Tage zu begleiten.
Voraussetzung sind natürlich geeignete Pferde, qualifizierte Betreuung, ein durchdachtes Sicherheitskonzept und genügend Raum für die individuellen Bedürfnisse der Teilnehmer.
Was wir jungen Menschen wirklich mitgeben können
Mir geht es bei solchen Angeboten nicht darum, aus jedem Jugendlichen einen Reiter oder späteren Pferdebesitzer zu machen.
Es geht mir darum, wieder einen Zugang zum Lebewesen Pferd zu schaffen.
Weg vom reinen Konsumgedanken, bei dem das Pferd eine gewünschte Leistung erbringen soll.
Hin zu einer echten Begegnung.
Zu der Erkenntnis, dass ein Pferd eigene Bedürfnisse, Grenzen und Ausdrucksmöglichkeiten hat.
Und dass eine gute Beziehung nicht durch Druck entsteht, sondern durch Aufmerksamkeit, Verlässlichkeit, Geduld und gegenseitigen Respekt.
Wenn junge Menschen dabei entdecken, dass sie mutiger sind als gedacht, dass sie Verantwortung übernehmen können oder dass es sich gut anfühlt, Teil einer funktionierenden Gemeinschaft zu sein, dann haben wir schon sehr viel erreicht.
Vielleicht nehmen sie diese Erfahrungen später mit in ihre Ausbildung, ihren Beruf, ihre Beziehungen und ihr weiteres Leben.
Und vielleicht brauchen wir gerade heute wieder viel mehr Orte, an denen junge Menschen solche Erfahrungen machen dürfen.
Nicht alles muss schneller, höher und besser werden. Manchmal reicht es, gemeinsam mit einem Pferd ein paar Schritte zu gehen und dabei etwas Wichtiges über sich selbst zu entdecken.
Das sind für mich echte Pferdemomente.
Wie seht ihr das? Welche Fähigkeiten sollten junge Menschen heute unbedingt lernen? Und welche Erfahrungen mit Pferden haben euch selbst mutiger, selbstbewusster oder verantwortungsvoller gemacht?
Ich freue mich auf eure Gedanken und Erfahrungen in den Kommentaren.

