Reiten lernen Ü50, Ü60 und darüber hinaus – wie ein guter Einstieg gelingen kann
Letzte Woche ging es um die große Gruppe der Wiedereinsteiger. Also um Menschen in ihrer Lebensmitte, die früher schon einmal geritten sind und jetzt wieder die Zeit und die Möglichkeiten haben, sich ihren Wunsch nach Pferden zu erfüllen.
Heute möchte ich mich einer anderen spannenden Zielgruppe widmen: den sogenannten Späteinsteigern.
Und „spät“ kann dabei durchaus bedeuten, dass jemand weit über das 50. Lebensjahr hinaus zum ersten Mal ernsthaft mit Pferden und dem Reiten beginnt.
Diese Menschen bringen ganz besondere Voraussetzungen mit. Und daraus ergeben sich auch besondere Anforderungen an Pferdebetriebe, Reitschulen, Trainer – und nicht zuletzt an unsere Lehrpferde.
Denn eines sollten wir uns bewusst machen:
Ein erwachsener Reitanfänger ist kein großes Reitschulkind.
Er lernt anders, denkt anders und kommt mit einer völlig anderen Lebensgeschichte zu uns.
Was suchen Späteinsteiger eigentlich beim Pferd?
Natürlich kommen diese Menschen zunächst mit dem Wunsch:
„Ich möchte reiten lernen.“
Aber dahinter steckt häufig noch viel mehr.
Viele haben sich schon lange mit ihrem Wunsch beschäftigt und sind erstaunlich gut informiert. Vielleicht wurde jahrzehntelang davon geträumt, irgendwann einmal reiten zu können.
Andere suchen – manchmal ganz unbewusst – Nähe und Wärme. Sie möchten ein Tier berühren, seine Wärme spüren oder dieses besondere Gefühl erleben, von einem Pferd getragen zu werden.
Wieder andere möchten endlich mehr Zeit in der Natur verbringen.
Und dann gibt es natürlich noch den großen Traum von Freiheit:
Mit dem Pferd durch Wälder und Wiesen ziehen. Vielleicht irgendwann Wanderreiten. Stundenlang unterwegs sein und die Welt vom Pferderücken aus erleben.
Das sind wunderbare Ziele.
Nur liegen zwischen diesem Traum und dem entspannten Wanderritt zunächst einmal ziemlich viele Grundlagen.
Und genau da kommen wir als Pferdebetriebe und Trainer ins Spiel.
Bevor wir ein Angebot entwickeln, sollten wir unsere Pferde anschauen
Bevor wir einen Kurs „Reiten lernen Ü50“ ausschreiben, sollten wir uns zunächst eine ganz andere Frage stellen:
Können unsere Pferde dieses Angebot überhaupt leisten?
Wie werden unsere Lehrpferde gehalten? Sind sie körperlich und psychisch gesund? Sind sie motiviert?
Sind sie gut ausgebildet? Können sie auch einmal eine ungeschickte Bewegung eines Anfängers verzeihen?
Wie reagieren sie auf unsichere Menschen?
Haben wir ruhige, zuverlässige Pferde, die auch etwas größere oder schwerere Erwachsene tragen können?
Und haben wir Pferde mit einer Größe, die es älteren Menschen ermöglicht, einigermaßen bequem auf- und abzusteigen?
Gerade der letzte Punkt wird meiner Meinung nach gerne unterschätzt.
Das tolle 1,75 Meter große Warmblut mag ein wunderbares Pferd sein. Für einen etwas steifen 67-jährigen Reitanfänger muss es trotzdem nicht unbedingt die beste Wahl sein. Das passende Lehrpferd ist einer der entscheidenden Faktoren für den Erfolg eines solchen Angebots.
Nicht gleich mit der klassischen Reitstunde anfangen
Sind diese Voraussetzungen geklärt, können wir uns Gedanken über das eigentliche Konzept machen.
Ich finde für den Einstieg kleine Schnupperkurse mit vier bis sechs Teilnehmern ideal.
Zum Beispiel sechs bis acht Einheiten mit jeweils ungefähr 90 Minuten. Und jetzt kommt vielleicht der entscheidende Unterschied:
Ich würde diese Menschen nicht in der ersten Stunde aufs gesattelte Pferd setzen und mit ihnen eine klassische Reitstunde veranstalten.
Warum auch? Sie kennen das Lebewesen Pferd noch gar nicht. Also lernen wir uns erst einmal kennen.
Wie nähere ich mich einem Pferd? Wie putze ich es? Wo möchte ein Pferd gerne berührt werden – und wo vielleicht nicht?
Wie erkenne ich, ob es sich wohlfühlt? Was sagen Ohren, Augen, Maul und Körperhaltung?
Wie führe ich ein Pferd? Und wie reagiert das Pferd auf meine eigene Körpersprache?
Daraus lassen sich schon wunderbare erste Übungen und kleine Führparcours entwickeln.
Führen, fühlen und verstehen
Sehr gerne arbeite ich zu Beginn auch mit dem Voltigiergurt.
Eine Person sitzt auf dem Pferd und darf zunächst einfach fühlen, während eine andere das Pferd führt.
Noch keine komplizierte Hilfengebung. Noch kein „Absatz tief!“. Noch kein „Gerade sitzen!“.
Erst einmal:
Wie fühlt sich diese Bewegung überhaupt an? Was macht mein Becken? Was passiert mit meinem Oberkörper?
Kann ich mich der Bewegung anvertrauen? Kann ich loslassen?
Und wie fühlt es sich an, tatsächlich von einem Pferd getragen zu werden?
Schon beim Putzen, Führen und Vorbereiten können wir immer wieder kleine Hinweise auf das Verhalten der Pferde geben.
Warum hat das Pferd gerade einen Schritt zur Seite gemacht? Warum hebt es den Kopf? Warum wird es plötzlich ruhig?
Was hat sich vielleicht beim Menschen verändert? Nein – eine Reitstunde ist keine Coachingstunde.
Aber wie ich schon im letzten Beitrag geschrieben habe, gehört für mich zum guten Umgang mit Pferden immer auch ein Stück Selbstreflexion.
Gerade wenn Menschen noch keinerlei Pferdeerfahrung haben, finde ich es wichtig, dies von Anfang an mit einzubauen.
Erwachsene sind meiner Erfahrung nach sehr dankbar, wenn ihnen Reaktionen und Verhaltensweisen der Pferde verständlich erklärt werden.
Und ich glaube, dafür gibt es einen einfachen Grund:
Verstehen gibt Sicherheit.
Wer ein Verhalten einordnen kann, fühlt sich weniger ausgeliefert. Und wer sich sicherer fühlt, kann entspannter lernen.
Reiten als Gesundheitssport – ein ganz anderer Einstieg
Eine weitere interessante Möglichkeit ist, zunächst gar nicht mit „Reiten lernen“ zu werben.
Warum nicht beispielsweise mit einer Rückenschule zu Pferd beginnen?
Hier steht zunächst die eigene Beweglichkeit und Körperwahrnehmung im Vordergrund.
Das Pferd bewegt den Menschen. Der Reiter lernt, Bewegung wahrzunehmen und mitzugehen.
Mobilität, Gleichgewicht und Koordination können gezielt angesprochen werden – natürlich immer angepasst an die individuellen Voraussetzungen und im Rahmen dessen, was wir als entsprechend qualifizierte Trainer verantworten können.
Und erst in einem Folgekurs verschiebt sich der Schwerpunkt immer stärker hin zum selbstständigen Reiten.
Das kann gerade für Späteinsteiger ein sehr angenehmer Weg sein.
Reiten sieht leichter aus, als es ist
Und damit kommen wir zu einem Punkt, über den sich viele Reitanfänger zunächst überhaupt keine Vorstellung machen:
Wie viel körperliche Fitness und Koordination gutes Reiten tatsächlich erfordert.
Von außen sieht das ja manchmal herrlich einfach aus. Man sitzt oben drauf – und das Pferd läuft. Nun ja. 😉
Wer zum ersten Mal versucht, unabhängig voneinander Beine, Becken, Oberkörper und Hände zu koordinieren und gleichzeitig wahrzunehmen, was das Pferd unter ihm macht, stellt ziemlich schnell fest:
Ganz so einfach ist es nicht.
Deshalb baue ich bereits in die ersten Einheiten Koordinations- und Beweglichkeitsübungen ein – idealerweise zunächst geführt und gerne auch auf dem ungesattelten Pferd beziehungsweise mit Voltigiergurt.
Arme kreisen. Den Oberkörper drehen. Gegenstände weiterreichen. Etwas berühren.
Nach rechts und links schauen. Bewegungen bewusst wahrnehmen. Das macht vielen Teilnehmern großen Spaß.
Und noch etwas passiert dabei: Die Konzentration wandert weg von der Angst und hin zur Aufgabe.
Wenn Interesse besteht, können kleine Übungen für zu Hause dazukommen.
Denn zunächst geht es um etwas ganz Grundsätzliches:
Interesse an der gesamten Materie Pferd wecken und entspannten Spaß ermöglichen.
Nur so gewinnen wir langfristig neue Pferdemenschen.
Und irgendwann wird tatsächlich geritten
Nach einem solchen Einstiegskurs kann dann der nächste Schritt folgen.
Jetzt lernen die Teilnehmer beispielsweise das korrekte Trensen und Satteln und sammeln zunehmend selbstständige Reiterfahrungen.
Und auch hier würde ich nicht mit ständigem: „Hacken runter!“ „Gerade sitzen!“ „Hände ruhig!“arbeiten.
Stattdessen möchte ich möglichst viele unterschiedliche Bewegungsanreize schaffen.
Denn ein guter Reitersitz entsteht nicht dadurch, dass wir einen Menschen in eine vermeintlich richtige Position hineinpressen.
Er muss Bewegung verstehen, fühlen und schließlich automatisieren.
Ich arbeite am Anfang beispielsweise gerne mit Hütchen und Stangen und nutze Elemente aus der Signalreitweise, um erste Lenkmanöver verständlich zu machen.
Ein Hütchen gibt ein klares Ziel. Eine Stange gibt Orientierung. Eine einfache Aufgabe schafft Erfolgserlebnisse.
Und nach und nach versteht der Reiter, welche seiner Signale beim Pferd welche Reaktion auslösen.
Wie viele Wiederholungen braucht es eigentlich?
Man liest immer wieder konkrete Zahlen darüber, wie viele Wiederholungen notwendig seien, bis eine Bewegung automatisiert ist.
Ganz so einfach ist es leider nicht. Es gibt keine seriöse allgemeingültige Zahl, nach der beispielsweise nach 500, 1.000 oder 10.000 Wiederholungen eine reiterliche Bewegung automatisch sicher beherrscht wird.
Motorisches Lernen hängt unter anderem davon ab, wie komplex eine Bewegung ist, welche Vorerfahrungen jemand mitbringt, wie regelmäßig geübt wird, welche Rückmeldungen der Lernende erhält und wie gut die einzelnen Wiederholungen ausgeführt werden.
Für unseren Reitunterricht ist deshalb etwas anderes viel wichtiger:
Viele gute Wiederholungen sind wertvoller als viele falsche.
Denn leider lassen sich auch Fehler automatisieren. Und genau deshalb müssen wir gerade am Anfang sehr genau hinschauen.
Der Trainer trägt eine große Verantwortung
Wenn sich ungünstige Bewegungsmuster erst einmal eingeschlichen haben, sind sie später oft nur mühsam wieder zu verändern.
Das gilt für Kinder genauso wie für Erwachsene. Kommen dann noch muskuläre Schwächen, Bewegungseinschränkungen oder mangelnde Koordination hinzu, kann daraus ein Reitersitz entstehen, der eine feine Hilfengebung erheblich erschwert.
Deshalb halte ich Kenntnisse über die Anatomie und Bewegungsabläufe des Reiters für Trainer, die mit dieser Zielgruppe arbeiten möchten, für ausgesprochen wichtig. Woher kommt beispielsweise der nach vorne fallende Oberkörper? Warum zieht jemand ständig die Knie hoch?
Warum kann ein Reiter sein Becken nicht ausreichend mitbewegen? Ist es mangelndes Verständnis? Angst? Fehlende Beweglichkeit?
Fehlende Kraft? Oder vielleicht eine ungünstige Kombination aus mehreren Faktoren?
Genau hier wird guter Reitunterricht anspruchsvoll. Und deshalb kann ich nur immer wieder für Weiterbildung plädieren.
Je größer unser eigenes Repertoire ist, desto individueller können wir unseren Schülern helfen.
Am Ende geht es immer auch um das Pferd
Bei all diesen Überlegungen dürfen wir eines niemals vergessen:
Das Wohlergehen unserer Pferde steht an erster Stelle.
Natürlich braucht das Pferd einen passenden Sattel und eine pferdegerechte Haltung.
Aber genauso braucht es einen Anfänger, der möglichst nicht ständig im Maul ziehen muss.
Einen Reiter, der lernt, in der Bewegung mitzugehen.
Und möglichst niemanden, der beim Leichttraben bei jedem zweiten Tritt unkontrolliert in den Pferderücken zurückfällt.
Pferdegerechtes Reiten beginnt deshalb für mich schon bei der Ausbildung des Menschen.
Und vielleicht müssen wir uns gerade bei erwachsenen Späteinsteigern dafür ein bisschen mehr Zeit nehmen.
Reiten lernen mit 50, 60 oder sogar 70?
Ja! Ich habe im Laufe der Jahre verschiedene Menschen begleitet, die erst jenseits der 60 intensiver mit dem Reiten begonnen haben und noch viele Jahre große Freude daran hatten.
Mein ältester regelmäßig reitender Schüler war sogar 80 Jahre alt. Er war körperlich ausgesprochen fit. Und ich hatte für ihn das passende Pferd: zuverlässig, gut ausgebildet und nicht zu groß. Diese Kombination halte ich für entscheidend.
Denn natürlich ist Alter allein kein Grund, nicht mehr reiten zu lernen.Aber gerade bei älteren Reitanfängern tragen wir Trainer eine besondere Verantwortung. Wir müssen einschätzen können, was möglich ist. Wir brauchen geeignete Pferde. Wir brauchen passende Unterrichtskonzepte.
Und manchmal müssen wir auch sagen können: Das hier ist heute nicht die richtige Übung. Oder dieses Pferd ist nicht das richtige. Oder vielleicht finden wir einen anderen Weg, Pferde zu erleben.
Wir brauchen neue Pferdemenschen
Genau darin sehe ich eine große Chance für Pferdebetriebe.
Wir sollten nicht ausschließlich danach fragen:
Wie bekommen wir mehr Menschen in unsere Reitstunden?
Die viel spannendere Frage lautet:
Wie schaffen wir einen Zugang zur Pferdewelt, der zu diesen Menschen passt?
Vielleicht wird aus der 58-jährigen Schnupperkursteilnehmerin irgendwann eine begeisterte Freizeitreiterin.
Vielleicht erfüllt sich jemand mit 65 tatsächlich noch den Traum vom Wanderreiten.
Vielleicht stellt jemand fest, dass ihm Bodenarbeit viel mehr Freude macht als Reiten.
Und vielleicht möchte ein anderer einfach regelmäßig Zeit mit Pferden verbringen.
Alles davon darf sein.
Denn unser eigentliches Ziel sollte nicht darin bestehen, möglichst schnell neue Reiter zu produzieren.
Wir möchten neue Pferdemenschen gewinnen.
Menschen, die Pferde verstehen möchten, Verantwortung übernehmen, sich weiterbilden und Freude daran haben, langfristig Teil dieser wunderbaren Pferdewelt zu sein.
Und genau dafür müssen vielleicht auch wir Pferdebetriebe und Trainer bereit sein, neue Wege zu gehen.
Wie sind Eure Erfahrungen?
Habt Ihr selbst erst mit 50, 60 oder noch später mit dem Reiten angefangen? Oder unterrichtet Ihr Späteinsteiger und habt ganz eigene Konzepte entwickelt?
Dann schreibt mir gerne in die Kommentare. Ich bin gespannt auf Eure Erfahrungen!

