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Pferdemomente Ü50 Zurück in den Sattel – aber anders!

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Wiedereinsteiger – zurück in den Sattel, aber anders als früher

Sicher habt Ihr schon einmal den Begriff Spät- oder Wiedereinsteiger im Reitsport gehört. Und sehr häufig sprechen wir dabei über Menschen um die 50 oder älter.

Die Familienplanung ist abgeschlossen, beruflich hat sich vieles eingespielt und plötzlich entsteht wieder Raum für die eigenen Wünsche.

Vielleicht möchte jemand ein früheres Hobby wieder aufnehmen. Vielleicht ist da dieser Kindheitstraum vom Reiten, der nie ganz verschwunden ist. Oder Pferde faszinieren einfach und es entsteht der Wunsch, schöne Stunden im Stall und in der Natur zu verbringen.

Soweit, so gut.

Aber genau hier wird es für Pferdebetriebe und Trainer spannend. Denn „die Zielgruppe Ü50“ gibt es eigentlich gar nicht.

Da ist zum Beispiel die Frau, die endlich etwas für ihren Rücken tun möchte und gehört hat, dass es so etwas wie Rückenschule zu Pferd gibt.

Sie bringt gleich ihren Mann mit – und der entdeckt plötzlich den kleinen Cowboy in sich und möchte vor allem eines: ausreiten.

Dann gibt es die eher vorsichtige Wiedereinsteigerin. Vielleicht hat sie früher nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Sie sucht ein ruhiges, verlässliches Pferd, möchte keinen Leistungsdruck und interessiert sich heute viel stärker für artgerechte Pferdehaltung, Bodenarbeit und die Frage: Wie kommuniziert dieses Lebewesen eigentlich mit mir?

Und schließlich gibt es Menschen, die Pferde großartig finden, aber überhaupt nicht reiten möchten. Sie wollen Zeit mit Pferden verbringen, spazieren gehen, beobachten, putzen, Bodenarbeit machen oder einfach ein paar entspannte Stunden in der Natur erleben.

Ihr merkt schon: In dieser Altersgruppe stecken unglaublich viele unterschiedliche Bedürfnisse – und damit auch interessante Möglichkeiten für Pferdebetriebe.

Ich möchte deshalb in mehreren Videos unterschiedliche Konzepte vorstellen und dabei Erfahrungen aus über 30 Jahren Arbeit mit Pferden und Menschen mit Euch teilen.

Heute beginnen wir mit den klassischen Wiedereinsteigern.

Wer ist eigentlich der klassische Wiedereinsteiger?

Diese Menschen sind früher bereits geritten – manchmal einige Jahre, manchmal nur als Jugendliche – und haben dabei sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht.

Wenn sie mit 50 oder 60 Jahren wieder anfangen, kommen sie nicht einfach als „ältere Reitschüler“ zurück.

Sie bringen Lebenserfahrung mit und sie haben Erwartungen. Häufig haben sie sich vorher sehr genau informiert.

Viele suchen bewusst einen qualifizierten Trainer und möchten ein gewisses Niveau im Unterricht. Gleichzeitig möchten sie häufig keinen klassischen Gruppenunterricht mehr. Einzelunterricht oder kleine Gruppen mit zwei oder drei Personen können deshalb sehr interessant sein.

Und etwas halte ich für besonders wichtig:

Eine 55-jährige Wiedereinsteigerin möchte normalerweise nicht das Gefühl haben, sich mit einer Gruppe 14-jähriger Reiterinnen messen zu müssen. Es geht nicht darum, wer am schnellsten wieder galoppiert. Es geht vor allem darum, Sicherheit, Körpergefühl und Vertrauen zurückzugewinnen.

Bevor wir aufs Pferd steigen

Ein wichtiger Punkt sind die körperlichen Voraussetzungen. Deshalb finde ich es sinnvoll, vor Beginn des Unterrichts in einem klar definierten Rahmen einige Dinge abzufragen.

Welche Erfahrungen bringt jemand mit? Wie lange liegt die letzte Reitstunde zurück?

Gibt es Bewegungseinschränkungen? Wie schätzt die Person ihre eigene Fitness ein?

Gibt es Ängste oder schlechte Erfahrungen aus der früheren Reitzeit?

Genau dafür wird es in meinem Workbook einen kleinen Fragebogen geben. Denn je mehr ich als Trainer vorher weiß, desto individueller kann ich den Einstieg gestalten.

Erwachsene lernen anders als Kinder

Das ist für mich einer der wichtigsten Punkte überhaupt. Erwachsene sind häufig sehr viel kopfgesteuerter.

Sie möchten verstehen: Warum soll ich das machen? Was passiert dabei in meinem Körper?

Was passiert im Körper des Pferdes? Warum funktioniert etwas gerade nicht?

Nur zu sagen: „Absatz tief, Schulter zurück, Hände ruhig“ reicht meiner Meinung nach bei weitem nicht.

Wir müssen Erwachsenen Möglichkeiten geben, Bewegung tatsächlich zu spüren.

Deshalb gehören für mich Wahrnehmungsübungen unbedingt in diesen Unterricht.

Wie bewegt sich mein Becken im Schritt? Kann ich die Bewegung des Pferdes rechts und links unterscheiden?

Was passiert, wenn ich bewusst ausatme? Wo halte ich unbewusst Spannung fest?

Manchmal kann schon eine halbe Runde im Schritt mit geschlossenen Augen – selbstverständlich in einem sicheren, geführten Setting – unglaublich viel verändern. Plötzlich wird nicht mehr nur gedacht. Es wird gefühlt.

Und genau dieses Sehen und Fühlen ist für mich ein wesentlicher Bestandteil guten Reitunterrichts.

Und dann kommt der Körper ins Spiel

Nehmen wir einmal eine typische Wiedereinsteigerin mit überwiegend sitzender Bürotätigkeit.

Vielleicht ein bisschen zu wenig Bewegung im Alltag, möglicherweise etwas Übergewicht, verspannte Schultern, ein fester unterer Rücken und eine eingeschränkte Beweglichkeit im Hüftbereich.

Und jetzt setzen wir diesen Menschen einfach aufs Pferd und erwarten einen losgelassenen, ausbalancierten Sitz?

Das kann eigentlich nicht funktionieren.

Und spätestens an dieser Stelle müssen wir auch an unsere Pferde denken. Denn neue Angebote zu entwickeln und neue Zielgruppen für unsere Betriebe zu gewinnen ist wichtig. Aber unsere Pferde bleiben unsere Partner.

Deshalb gehört für mich eine angemessene körperliche Vorbereitung des Reiters genauso zu pferdegerechtem Unterricht wie gutes Reiten selbst.

Und ganz nebenbei ist körperliche Fitness auch ein Sicherheitsfaktor.

Was können wir als Trainer anbieten?

Genau hier entstehen spannende neue Angebote.

Warum nicht Sitzschulung an der Longe mit gezielten Körperübungen verbinden?

Warum nicht eine kleine Einheit Reitergymnastik vor dem eigentlichen Reiten anbieten?

Warum nicht einfache Übungen für zu Hause mitgeben?

Vielleicht entsteht daraus sogar ein eigenes Angebot:

„Fit zurück in den Sattel – Wiedereinstieg Ü50“

Zum Beispiel als mehrwöchiger Kurs mit kleinen Gruppen.

Mit Bodenarbeit, Reitergymnastik, Sitzschulung an der Longe, Wahrnehmungsübungen, Pferdeverständnis und erst nach und nach mehr selbstständigem Reiten.

Das nimmt Druck heraus – für Mensch und Pferd.

Was müssen wir Trainer dafür können?

Auch darüber sollten wir sprechen.

Denn eine Zielgruppe Ü50 anzusprechen bedeutet nicht einfach, dieselbe Reitstunde anzubieten wie bisher und nur eine andere Überschrift darüberzuschreiben.

Wir brauchen zusätzliches Wissen: Über Beweglichkeit und Körperwahrnehmung.

Über altersbedingte Veränderungen. Über Ängste und Unsicherheiten. Über erwachsenengerechtes Lernen.

Und natürlich darüber, wo unsere Kompetenz als Reittrainer endet und beispielsweise Physiotherapeuten, Ärzte oder andere Fachleute gefragt sind.

Heute gibt es zahlreiche sinnvolle Zusatzqualifikationen und Fortbildungen, mit denen Trainer ihr Repertoire erweitern können.

Ich kann das wirklich nur empfehlen. Denn davon profitieren am Ende gleich drei Seiten:

Unsere Reitschüler. Wir Trainer. Und vor allem unsere Pferde.

Und nicht nur der Körper kommt mit zum Reitunterricht

Neben den körperlichen Voraussetzungen, die unsere Reitschüler in dieser Altersgruppe mitbringen, gibt es noch einen weiteren Aspekt, den wir nicht unterschätzen sollten: die psychischen und emotionalen Voraussetzungen.

Denn unsere erwachsenen Reitschüler kommen ja nicht nur mit ihrem Körper zu uns auf den Hof. Sie bringen ihren Alltag mit. Ihren Beruf, ihre Sorgen, ihre Erwartungen, vielleicht Ängste, Ehrgeiz, Stress oder Einsamkeit.

Und dann treffen sie auf ein Pferd.

Pferde reagieren sehr unmittelbar auf Körperspannung, Aufmerksamkeit, Unruhe und emotionale Zustände ihres Gegenübers. Genau das kann für unseren Unterricht eine wunderbare Chance sein – oder dazu führen, dass eine Reitstunde für alle Beteiligten ziemlich frustrierend wird.

Ich habe da sofort einen Reitschüler vor Augen, der direkt aus dem Berufsalltag zu mir kam. Er wurde noch im Anzug von seinem Fahrer zum Stall gebracht, zog sich schnell um und wollte eigentlich sofort aufs Pferd.

Körperlich war er jetzt zwar auf dem Reitplatz – mit dem Kopf saß er aber noch im Büro.

Das Pferd fühlte sich mit dieser Situation sichtbar unwohl. Und ich brauchte zunächst eine ganze Weile, bis mein Reitschüler überhaupt angekommen und in der Lage war, sich auf mich, seinen eigenen Körper und vor allem auf das Pferd einzulassen.

Was hätte es in diesem Moment gebracht, sofort mit der klassischen Reitstunde anzufangen?

Eigentlich nichts.

Heute würde ich wahrscheinlich noch viel bewusster sagen: Bevor wir aufs Pferd steigen, müssen wir erst einmal ankommen.

Manchmal geht es um etwas ganz anderes als Reiten

Dann erinnere ich mich an eine ältere Dame, bei der die Situation völlig anders war.

Sie war einsam.

Eigentlich brauchte sie weniger einen Reitlehrer als einen Menschen, der ihr zuhörte. Und beim Pferd war für sie das ruhige getragen werden viel wichtiger als die nächste reiterliche Lektion.

Natürlich sind wir Reitlehrer keine Therapeuten und sollten unsere fachlichen Grenzen kennen. Trotzdem erleben wir gerade in der Arbeit mit erwachsenen Menschen immer wieder, dass hinter dem Wunsch nach Reitunterricht noch ganz andere Bedürfnisse stehen können.

Ruhe. Kontakt. Natur. Sich selbst wieder spüren. Vertrauen. Oder einfach eine Stunde, in der einmal nichts geleistet werden muss.

Solche Erfahrungen waren übrigens einer der Gründe, warum ich irgendwann zusätzlich eine Coaching-Ausbildung absolviert habe. Nicht, weil aus jeder Reitstunde ein Coaching werden soll. Sondern weil es mir geholfen hat, Menschen und ihre unterschiedlichen Bedürfnisse besser wahrzunehmen und entsprechend reagieren zu können.

Denn genau damit werden wir im Alltag mit Wiedereinsteigern immer wieder konfrontiert.

Und manchmal müssen wir unsere Kunden auch ziehen lassen

Während ich das schreibe, fällt mir noch eine dritte Reitschülerin ein.

Sie war unglaublich ehrgeizig, lernte schnell und entwickelte sich innerhalb relativ kurzer Zeit zu einer wirklich guten Reiterin. Irgendwann entdeckte sie ihre Begeisterung für den weiterführenden Dressursport.

Und damit kam der Punkt, an dem ich wusste:

Bei uns wird sie langfristig nicht mehr glücklich werden.

Also habe ich ihr einen geeigneten Stall in der Nähe empfohlen, in dem sie ihre reiterlichen Ziele weiterverfolgen konnte.

War damit für meinen Betrieb eine Kundin verloren?

Ja.

Aber wenn ich heute ihre Geschichte betrachte, sehe ich etwas ganz anderes.

Sie hat ihren Weg in der Pferdewelt weitergemacht. Heute hat sie erfolgreich reitende Kinder, einen eigenen Hof und eine kleine Pferdezucht.

Und genau deshalb erzähle ich diese Geschichte so gerne.

Denn wenn wir darüber sprechen, dass Pferdebetriebe neue Zielgruppen erschließen müssen, dürfen wir nicht ausschließlich in Reitstunden, Zehnerkarten oder Monatsumsätzen denken.

Vielleicht kommt eine 52-jährige Frau zu uns, weil sie nach 30 Jahren wieder einmal auf einem Pferd sitzen möchte.

Und vielleicht entwickelt sich daraus viel mehr.

Vielleicht wird sie Pferdebesitzerin.

Vielleicht engagiert sie sich in einem Verein oder Stall.

Vielleicht begeistert sie ihre Familie für Pferde.

Vielleicht unterstützt sie später selbst Kinder dabei, Zugang zu Pferden zu bekommen.

Wir brauchen nicht einfach nur neue Kunden. Wir brauchen neue Pferdemenschen.

Menschen, die bereit sind zu lernen, Verantwortung zu übernehmen, sich Wissen anzueignen und langfristig Teil der Pferdewelt zu werden.

Und genau deshalb lohnt es sich für Pferdebetriebe, sehr genau hinzuschauen: Welche Menschen kommen eigentlich zu uns? Was suchen sie wirklich? Und welche Angebote können wir entwickeln, damit aus einem ersten vorsichtigen Kontakt mit dem Pferd vielleicht eine lange und wunderbare Pferdegeschichte wird?

Im nächsten Teil schauen wir uns eine ganz andere Gruppe an: Menschen Ü50, die noch nie geritten sind und sich jetzt endlich ihren vielleicht jahrzehntealten Traum vom Pferd erfüllen möchten.

Denn auch sie brauchen etwas anderes als eine klassische Reitstunde. Und genau darin liegt eine große Chance für Pferdebetriebe.

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