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Perspektiven für Pferdebetriebe Teil 2

Perspektiven für Pferdebetriebe – Wie ein Betrieb der Zukunft aussehen könnte

Im ersten Teil dieser Reihe habe ich die Frage gestellt, ob wir tatsächlich eine Krise des Pferdesports erleben – oder ob wir vielmehr die Auswirkungen einer Gesellschaft spüren, die immer schneller, individueller und konsumorientierter geworden ist.  

Wenn diese Überlegung stimmt, dann reicht es nicht aus, nur an der nächsten Reitstunde oder am günstigeren Heupreis zu arbeiten. Dann müssen wir uns eine viel grundsätzlichere Frage stellen:

Welche Aufgabe kann ein Pferdebetrieb in Zukunft für die Menschen bzw für die Gesellschaft übernehmen?

Ich glaube, die Antwort liegt nicht darin, immer mehr anzubieten. Sondern darin, das anzubieten, was unserer Gesellschaft zunehmend fehlt.

Ein Ort der Begegnung

Viele Menschen fühlen sich heute trotz sozialer Medien erstaunlich allein. Familien leben weiter auseinander, Vereine verlieren Mitglieder und echte Gemeinschaft entsteht immer seltener.

Ein Pferdebetrieb kann genau hier einen Unterschied machen.

Nicht nur als Stall, sondern als Treffpunkt.

Ein gemeinsames Frühstück nach dem Ausritt. Ein offener Stallabend. Ein Sommerfest mit kleinen Vorführungen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, bei denen nicht nur Zäune repariert werden, sondern auch Gespräche entstehen. Das gibt und gab es auch schon in vielen Betrieben. Und dort funktioniert Gemeinschaft ja auch ganz gut.

Nicht jeder Besucher muss Reiter sein. Vielleicht kommt jemand einfach auf einen Kaffee vorbei und dafür werden zB über Plakate Menschen auch besonders eingeladen. Bewusst integriert über kleine Aufgaben fühlt man sich gebraucht und willkommen. Wie wäre es mit einer Bank an der Weide, als Ruheplatz gekennzeichnet, um die Pferde einfach zu beobachten? Und dann das nette Gespräch mit Mitarbeitern oder Pferdebesitzern?

Ich denke in diesem Zusammenhang auch daran völlig neue Zielgruppen zu erschließen. Wie wäre es mit Angeboten im Bereich Tourismus oder für Firmen und Ihre Mitarbeiter?

Ein Lernort für Kinder

Kinder brauchen heute mehr denn je Möglichkeiten, Verantwortung zu lernen und zu übernehmen. Nicht in einer virtuellen Welt, sondern mit echten Aufgaben im Stall, in der Reitbahn mit und ohne die Ponys

Ein Pferd lässt sich nicht per Knopfdruck versorgen. Es braucht Zeit, Geduld und Verlässlichkeit. Genau darin liegt ein unschätzbarer Wert, den viele Kinder so unmittelbar wie im Umgang mit einem Pony im Alltag nicht mehr erfahren können.

Pferde-AGs, Ferienprogramme, Naturtage oder kleine Stallprojekte können Kindern Fähigkeiten vermitteln, die weit über den Umgang mit Pferden hinausgehen: Rücksichtnahme, Teamarbeit, Konzentration und Selbstvertrauen.

Vielleicht ist genau das der wichtigste Unterricht, den wir geben können.

Ein Platz für alle Generationen

Warum treffen wir auf Pferdebetrieben so selten ältere Menschen, die einfach nur Zeit mit Pferden verbringen möchten?

Und warum gibt es eigentlich so wenige Angebote für Senioren, obwohl der Kontakt zu Tieren nachweislich Lebensfreude schenken kann?

Und warum nutzen wir das Wissen älterer Pferdemenschen nicht viel stärker? Ich erinnere mich an Gespräche mit ehemaligen Soldaten, die im 2.Weltkrieg mit ihren Pferden bis nach Rußland gezogen sind. Erzählungen über Vertrauen, Respekt und Liebe zu den Tieren und Tips und Tricks für die Versorgung unter mehr als widrigen Umständen. Das kann sich heute keiner mehr vorstellen, wäre aber sicherlich für den ein oder anderen jungen Pferdemenschen sehr lehrreich.

Ich wünsche mir Betriebe, auf denen Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren selbstverständlich Zeit miteinander verbringen können. Das Pony als Mittler und Verbinder von Jung und Alt. Erfahrungen aus meiner Zeit in der Altenpflege bestätigen auch hier, Ponys sind grandiose Türöffner und viele aus der älteren Generation kennen Pferde noch aus ihrem Alltag.

So kann jede Generation von der anderen Lernen.

Gesundheit beginnt nicht erst beim Sport

Immer mehr Menschen suchen nach einem Ausgleich zum Alltag, und nicht jeder möchte reiten. Viele sehnen sich nach Ruhe und einer Auszeit in der Natur. Nach einem Ort, an dem das Handy einmal in der Tasche bleiben darf.

Und genauso viele Menschen sind fasziniert von Pferden

Spaziergänge mit Pferden, Achtsamkeitsangebote, pferdegestützte Coachings oder einfach stille Stunden im Stall können für viele Menschen wertvoller sein als die nächste Sporteinheit.

Vielleicht liegt genau hier eine große Chance für unsere Branche.

Kooperation statt Konkurrenz

Viele Pferdebetriebe kämpfen leider allein.

Dabei könnten gerade Kooperationen neue Möglichkeiten eröffnen.

Schulen, Kindergärten, Seniorenheime, Vereine, Volkshochschulen oder Gesundheitsanbieter suchen häufig nach besonderen Angeboten.

Warum sollten Pferdebetriebe nicht zu verlässlichen Partnern werden? Oder der eine Betrieb kümmert sich um die sozialen Angebote und jüngere Kinder und der Betrieb in der Nachbarschaft bietet den älteren talentierten Kindern weiterführende Lehrgänge!?

Gemeinsam lässt sich oft mehr erreichen als im Wettbewerb um den nächsten Reitschüler.

Qualität statt Masse

Lange Zeit galt Wachstum als wichtigstes Ziel.

Mehr Einsteller und Reitstunden. Mehr Seminare und Veranstaltungen, auch um sichtbar zu sein. Dies nimmt uns heute aber Social Media weitgehend ab.

Und wenn man spürt wie schwierig es ist, solche Termine und Angebote noch voll zu bekommen, dann muss man meiner Meinung nach kreativer denken und anders an die Sache rangehen.

Vielleicht  Menschen wünschen sich  heute vor allem eines:

Persönliche Betreuung, mit Zeit und Ruhe für Fragen und wirkliches Sehen und Fühlen

Einen respektvollen Umgang mit Mensch und Pferd, ohne Leistungsdruck oder Zeitdruck

Qualität spricht sich herum – oft viel nachhaltiger als jede Werbekampagne. Klein, fein, regional wären da meine Stichworte und auch flexible Gestaltung der Angebotszeiten. Und ja ich weiß es bedarf dann einer sehr guten Ausbildung der Betreuer, einer klaren Kalkulation und noch mehr Organisation.

Und noch eine Idee wirtschaftlicher Art.. wie wäre es mit Patenschaften für Pferde und einem entsprechenden Programm für die Paten. Könnte ja auch Schulpferde mitfinanzieren und mitbetreuen und weitere Menschen auf dem Betrieb zusammenbringen, die einfach Pferd genießen möchten.

Das Pferd bleibt der Mittelpunkt

Bei allen Ideen dürfen wir eines nie vergessen:

Das Pferd ist kein Marketinginstrument.

Es ist kein Therapiegerät.

Es ist kein Sportgerät.

Es ist ein Lebewesen.

Wenn wir Pferdebetriebe neu denken, sollte sich jede Entscheidung an einer einfachen Frage orientieren:

Geht es damit auch unseren Pferden besser?

Denn nur Betriebe, in denen Pferde artgerecht leben und respektvoll behandelt werden, können glaubwürdig vermitteln, was sie nach außen versprechen.

Mein Blick in die Zukunft

Ich glaube nicht, dass Pferdebetriebe verschwinden werden.

Ich glaube sogar, dass sie wichtiger werden als je zuvor.

Aber ihre Aufgabe wird sich verändern.

Sie werden weniger Orte sein, an denen ausschließlich geritten wird.

Sie werden Orte sein, an denen Menschen Gemeinschaft erleben.

An denen Kinder Verantwortung lernen.

An denen Erwachsene neue Kraft finden.

An denen ältere Menschen ihre Erfahrung weitergeben können.

Und an denen Pferde uns Tag für Tag daran erinnern, was im Leben wirklich zählt.

Vielleicht liegt genau darin die Zukunft unserer Pferdebetriebe.

Nicht höher.

Nicht schneller.

Nicht größer.

Sondern menschlicher.

Und vielleicht ist genau das die größte Chance, die wir heute haben.


Wie stellst Du Dir den Pferdebetrieb der Zukunft vor?

Welche Angebote würden Dir fehlen? Welche Ideen funktionieren auf Deinem Hof vielleicht schon heute? Ich freue mich auf Deine Gedanken und Erfahrungen in den Kommentaren.

Und bis dahin – see and feel

Übrigens gibt es diesen Text auch als Podcast auf You tube. Du findest den Kanal über den grünen Button oben rechts.

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