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Pferdemomente für Menschen mit Beeinträchtigungen – Begegnungen, die berühren

Pferde erleben ohne Reiten: Wie inklusive Angebote mit Pferden Selbstwirksamkeit, Vertrauen und besondere Naturerlebnisse ermöglichen können.

Manchmal entstehen die Themen für meinen Blog und meinen YouTube-Kanal ganz von allein. So habe ich gerade wieder eine Anfrage für eine Pferdemomente-Veranstaltung für Menschen mit Beeinträchtigungen bekommen. Und da wir auf unserem Reiterhof Sonnenblume schon seit vielen Jahren mit ganz unterschiedlichen Menschen arbeiten, dachte ich mir: Das ist doch ein wunderbares Thema für dieses Wochenende!

Denn eines habe ich in all den Jahren immer wieder erlebt: Es braucht nicht unbedingt einen Sattel, um mit Pferden etwas ganz Besonderes zu erfahren.

Gerade für Menschen mit körperlichen, geistigen oder mehrfachen Beeinträchtigungen kann schon eine ruhige Begegnung mit einem Pferd ein außergewöhnliches Erlebnis sein.

Und manchmal sind es die scheinbar kleinen Momente, die besonders berühren.

Pferde erleben – mit allen Sinnen

Stellen wir uns einmal vor, wie sich eine erste Begegnung mit einem Pferd anfühlen kann.

Da ist zunächst dieses große Lebewesen. Seine Größe, seine Kraft, vielleicht auch ein wenig Unsicherheit.

Dann kommt das Pferd näher.

Ein warmer Atemzug streift die Hand. Die weichen Nüstern bewegen sich. Vielleicht ist da ein leises Schnauben zu hören.

Wer möchte, darf die Hand auf den warmen Pferdehals legen. Das Fell fühlen, die Körperwärme wahrnehmen und vielleicht sogar die ruhige Atmung des Tieres spüren.

Manche Menschen möchten einfach nur schauen. Andere beginnen ganz vorsichtig zu streicheln. Wieder andere suchen schnell den direkten Körperkontakt und möchten ihre Wange an den Pferdehals legen.

Sehen, fühlen, wahrnehmen – genau darum geht es bei unseren Pferdemomenten.

Dabei darf jeder Mensch selbst entscheiden, wie viel Nähe er zulassen möchte. Auch das Pferd darf zeigen, ob es diese Nähe gerade angenehm findet.

Es geht nicht darum, eine bestimmte Aufgabe möglichst schnell zu erfüllen. Es geht darum, einen eigenen Zugang zu diesem faszinierenden Lebewesen zu finden.

Und dafür braucht es vor allem eines: Zeit.

Barrierefreiheit beginnt schon vor der Veranstaltung

Wie bei unseren Angeboten für Senioren und hochbetagte Menschen spielt auch hier die Barrierefreiheit eine ganz entscheidende Rolle.

Und damit meine ich nicht nur eine ausreichend breite Tür oder einen befestigten Weg.

Schon bei der Planung müssen wir uns ganz praktische Fragen stellen:

  • Welche Wege können Menschen mit Rollstuhl oder Gehhilfen nutzen?
  • Gibt es ausreichend Platz für größere Pflege- oder Spezialrollstühle?
  • Sind die Wege eben, sicher und bei unterschiedlichem Wetter befahrbar?
  • Wo können sich Teilnehmer bei Bedarf zurückziehen?
  • Sind geeignete Toiletten und Aufenthaltsmöglichkeiten vorhanden?
  • Wie erreichen wir die Pferde, ohne durch enge oder unübersichtliche Stallbereiche gehen zu müssen?

Wir haben auf unserem Hof das große Glück, einen geteerten Wirtschaftsweg nutzen zu können, der direkt in die Wiesen führt.

So können auch Menschen mit Rollstuhl, je nach individuellem Unterstützungsbedarf und mit entsprechender Begleitung, an unseren Spaziergängen teilnehmen.

Das eröffnet wunderbare Möglichkeiten, Pferdebegegnungen mit Naturerlebnissen zu verbinden.

Natürlich ist nicht jeder Pferdebetrieb vollständig barrierefrei. Umso wichtiger ist es, die tatsächlichen Möglichkeiten ehrlich einzuschätzen und bereits vor der Veranstaltung mit den betreuenden Einrichtungen abzusprechen.

Inklusion beginnt nicht erst beim Pferd, sondern schon bei der Planung.

Das richtige Pferd ist entscheidend

Ein weiterer ganz wichtiger Punkt ist die Auswahl der eingesetzten Pferde und Ponys.

Nicht jedes freundliche und gut ausgebildete Pferd ist automatisch für jede Form der Begegnung geeignet.

Unsere Pferde sollten mit möglichst vielen Situationen vertraut sein, die während einer solchen Veranstaltung auftreten können.

Dazu gehören beispielsweise Rollstühle, Rollatoren, größere Pflegerollstühle, ungewohnte Geräusche medizinischer Hilfsmittel oder auch plötzliche Bewegungen und Lautäußerungen.

Ein Mensch kann sich möglicherweise nicht so bewegen oder ausdrücken, wie das Pferd es aus seinem Alltag kennt.

Manche Teilnehmer greifen unvermittelt nach dem Fell. Andere bewegen die Arme ruckartig oder geben laute Geräusche von sich.

Deshalb ist eine sorgfältige Gewöhnung der Pferde an unterschiedliche Situationen unerlässlich.

Genauso wichtig ist allerdings, dass wir ihre Körpersprache lesen können.

Ein Pferd, das äußerlich ruhig stehen bleibt, muss sich nicht zwangsläufig wohlfühlen.

Hier sind unsere Erfahrung, Aufmerksamkeit und das Wissen um die Bedürfnisse des Pferdes gefragt.

Pferdegerechte Inklusion bedeutet, die Grenzen beider Seiten zu respektieren.

Unsere Pferde sind keine Therapieinstrumente, die jederzeit funktionieren müssen. Sie sind fühlende Lebewesen und Partner in der Begegnung.

Vom ersten Kennenlernen zum gemeinsamen Tun

Nach einem ausführlichen Kennenlernen darf es dann ganz praktisch werden.

Viele Teilnehmer möchten das Pferd putzen.

Was zunächst nach einer einfachen Tätigkeit klingt, bietet unglaublich viele Möglichkeiten.

Da werden Bürsten ausprobiert, unterschiedliche Fellstrukturen ertastet und vorsichtig Bewegungen über den Pferdekörper ausgeführt.

Manche Teilnehmer konzentrieren sich sehr auf die Aufgabe. Andere nutzen das Putzen vor allem, um körperliche Nähe aufzubauen.

Und wieder andere genießen einfach die Wärme des Tieres.

Dabei können ganz nebenbei Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Bewegungskoordination und Kommunikation angeregt werden.

Doch das Wichtigste ist für mich die Freude am gemeinsamen Tun.

Es gibt keinen Leistungsdruck und keine vorgegebenen Erwartungen.

Jeder Mensch darf in seinem eigenen Tempo entdecken, was möglich ist.

Ein Pferd selbst führen – Selbstwirksamkeit erleben

Eine Erfahrung mache ich immer wieder:

Wer sich erst einmal getraut hat, einem Pferd näherzukommen und es zu putzen, möchte häufig noch einen Schritt weitergehen.

Nämlich das Pferd selbst führen!

Und genau hier entstehen oft besonders schöne Momente.

Denn plötzlich geht es nicht mehr nur darum, ein großes Tier zu berühren.

Jetzt kann ich etwas bewirken.

Ich gebe ein Signal, das Pferd geht los. Ich halte an, und das Pferd bleibt stehen.

Natürlich immer mit fachkundiger Sicherung und Unterstützung, angepasst an die individuellen Möglichkeiten des Teilnehmers.

Aber das Gefühl kann trotzdem sein:

Ich kann etwas bewegen. Ich kann eine Aufgabe bewältigen. Ich werde wahrgenommen.

Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist für mich einer der wertvollsten Aspekte unserer erlebnispädagogischen Arbeit.

Dabei muss niemand ein Führseil selbstständig halten können, um aktiv beteiligt zu sein. Auch ein vereinbartes Handzeichen, ein Blick oder ein sprachliches Signal können Teil der Aufgabe sein.

Entscheidend ist, dass der Mensch erlebt, dass seine Handlung eine Bedeutung hat.

Mit dem Pferd in die Natur

Bei geeignetem Wetter gehen wir besonders gerne nach draußen.

Auf unserem befestigten Wirtschaftsweg können wir gemeinsam mit den Ponys die Wiesen und die Natur erleben.

Und plötzlich gibt es noch viel mehr zu entdecken.

Wie riecht das Gras? Welche Blätter wachsen am Wegesrand? Wie fühlt sich eine Pflanze an? Welche Geräusche hören wir?

Vielleicht finden wir interessante Kräuter, Blätter oder andere Naturmaterialien, die wir gemeinsam anschauen und, soweit geeignet, sammeln können.

So lassen sich Elemente aus der Naturpädagogik wunderbar mit den Pferdemomenten verbinden.

Und manchmal entsteht daraus sogar noch eine kleine kreative Einheit.

Aus gesammelten Blättern können Bilder gestaltet werden. Naturmaterialien werden sortiert, betrachtet oder in ein gemeinsames Erinnerungsstück eingearbeitet.

So wird aus einer Pferdebegegnung ein ganzheitliches Erlebnis mit vielen unterschiedlichen Zugängen.

Und wenn das Wetter nicht mitspielt?

Dann nutzen wir unsere Reithalle!

Ein kleiner, übersichtlicher Parcours lässt sich mit wenigen Hilfsmitteln gestalten.

Einige Pylonen, eine markierte Haltestelle oder ein einfacher Weg zwischen zwei Orientierungspunkten reichen oft schon aus.

Die Aufgaben können ganz unterschiedlich sein.

Vielleicht soll das Pony an einem bestimmten Punkt anhalten. Vielleicht geht es darum, gemeinsam einen kleinen Richtungswechsel zu schaffen oder das Pferd mit einem vereinbarten Signal wieder losgehen zu lassen.

Dabei stehen nicht die reiterlichen Fähigkeiten im Vordergrund, sondern das gemeinsame Erleben, die Kommunikation und die Freude an einer bewältigten Aufgabe.

Und manchmal ist der größte Erfolg des Tages, dass ein Teilnehmer, der sich zunächst gar nicht an ein Pferd herangetraut hat, am Ende stolz neben ihm steht.

Gute Vorbereitung ist keine Nebensache

Einen Punkt möchte ich besonders betonen, denn er wird meiner Meinung nach manchmal unterschätzt:

Solche Veranstaltungen brauchen eine sorgfältige Vorbereitung und eine klare Aufgabenverteilung.

Wir als Pferdefachleute sind für die Auswahl, Vorbereitung und Führung der Pferde sowie für die sichere Gestaltung der pferdebezogenen Aktivitäten verantwortlich.

Die vertrauten Betreuungspersonen und das zuständige Fachpersonal der Einrichtungen kennen dagegen die individuellen Bedürfnisse und Unterstützungsbedarfe ihrer Teilnehmer.

Und genau dieses Wissen brauchen wir.

Es ist beispielsweise wichtig, vorab zu erfahren, ob Menschen mit besonderer Geräusch- oder Berührungsempfindlichkeit teilnehmen, ob es Schwierigkeiten mit ungewohnten Situationen gibt oder ob bestimmte Verhaltensweisen auftreten können, die besondere Sicherheitsvorkehrungen erfordern.

Das gilt beispielsweise für manche Menschen im Autismus-Spektrum, aber ebenso für Teilnehmer mit anderen individuellen Unterstützungsbedarfen.

Eine Diagnose allein sagt uns dabei noch wenig. Viel wichtiger ist, zu wissen, was ein bestimmter Mensch braucht, was ihm Freude macht und was ihn möglicherweise überfordert.

Auch mögliche impulsive Bewegungen oder herausfordernde Verhaltensweisen sollten im Vorfeld offen und respektvoll besprochen werden.

Nicht um Menschen auszuschließen, sondern um Begegnungen sicher und angenehm zu gestalten.

Deshalb halte ich einen kurzen Vorabfragebogen, wie wir ihn auch für unsere Seniorenangebote einsetzen können, für sehr sinnvoll.

Dazu gehören Absprachen über Mobilität, Kommunikation, Hilfsmittel, mögliche Auslöser für Stress, notwendige Begleitung und das Vorgehen in besonderen Situationen.

Die vertrauten Betreuungspersonen bleiben während der Veranstaltung für die individuelle Betreuung zuständig.

Wir arbeiten miteinander, aber jeder innerhalb seines eigenen Kompetenzbereichs.

Und natürlich müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen: passende Gruppengrößen, genügend Zeit, geeignete Pferde und ein sicherer Ablauf.

Pferdemomente sind keine Frage der Leistungsfähigkeit

Wenn ich auf die vielen Jahre unserer Arbeit mit ganz unterschiedlichen Menschen zurückblicke, dann sind es häufig nicht die großen Aktionen, die in Erinnerung bleiben.

Es sind die kleinen Begegnungen.

Ein vorsichtiges Lächeln. Eine Hand, die sich zum ersten Mal auf einen Pferdehals legt. Ein Mensch, der ganz konzentriert eine Bürste führt. Oder jemand, der voller Stolz erlebt, dass ein Pony auf sein Signal reagiert.

Pferde können uns auf eine sehr unmittelbare Weise begegnen.

Sie fragen nicht nach Schulabschlüssen, gesellschaftlichem Status oder danach, welche Leistungen wir erbringen können.

Sie reagieren auf ihre Umgebung, auf unsere Bewegungen, auf Körpersprache und auf das, was im jeweiligen Moment geschieht.

Und wir Menschen dürfen lernen, genau hinzusehen und hinzufühlen.

Das ist für mich der Kern unserer ganzheitlichen Erlebnisreitpädagogik.

Nicht jeder Teilnehmer wird dieselben Erfahrungen machen. Nicht jede Begegnung wird gleich verlaufen.

Aber jeder Mensch sollte die Möglichkeit bekommen, innerhalb seiner persönlichen Voraussetzungen etwas Eigenes zu erleben.

Teilhabe bedeutet nicht, dass alle dasselbe tun müssen. Teilhabe bedeutet, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg finden darf.

Neue Perspektiven für Pferdebetriebe

Auch aus Sicht der Pferdebetriebe lohnt es sich, über solche Angebote nachzudenken.

Denn die Pferdewelt verändert sich.

Klassische Reitschulen und Pensionsställe stehen vor immer größeren Herausforderungen. Gleichzeitig gibt es viele Menschen, die sich Begegnungen mit Pferden wünschen, ohne reiten zu wollen oder zu können.

Hier können neue, sinnvolle Angebote entstehen.

Kooperationen mit Einrichtungen der Eingliederungshilfe, Wohnangeboten, Tagesförderstätten oder anderen sozialen Trägern bieten interessante Möglichkeiten.

Allerdings braucht es dafür weit mehr als ein liebes Pony.

Es braucht ein durchdachtes Konzept, fachliche Kompetenz, geeignete Rahmenbedingungen, verlässliche Kooperationspartner und natürlich eine realistische wirtschaftliche Kalkulation.

Nicht jeder Betrieb muss alles anbieten.

Aber vielleicht lohnt es sich, die eigenen Möglichkeiten einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Altes Pferdewissen neu gedacht – neue Wege für Mensch und Pferd.

Genau darum geht es mir mit unserer Reihe „Pferdemomente“ und dem entstehenden Pferdemomente-Lernraum.

Ich möchte zeigen, wie wir mit unserer Erfahrung, Kreativität und einem pferdegerechten Blick neue Angebote entwickeln können, die Menschen berühren und gleichzeitig den Pferden gerecht werden.

Denn manchmal braucht es gar nicht viel, um etwas wirklich Wertvolles zu ermöglichen.

Ein geeignetes Pferd. Einen sicheren Rahmen. Einen aufmerksamen Menschen.

Und die Bereitschaft, sich auf eine Begegnung einzulassen.

Wie sind eure Erfahrungen?

Habt ihr bereits mit Menschen mit Beeinträchtigungen und Pferden gearbeitet? Oder überlegt ihr, solche Angebote auf eurem Hof einzuführen?

Schreibt mir gerne eure Gedanken und Erfahrungen in die Kommentare.

Und wenn ihr mehr über ganzheitliche Erlebnisreitpädagogik, neue Zielgruppen und zukunftsfähige Konzepte für Pferdebetriebe erfahren möchtet, dann begleitet mich gerne weiter.

Bis zum nächsten Pferdemoment!

Reiterhof Sonnenblume – Faszination Pferd und Mensch

Wissen vertiefen. Neue Wege gehen. See and Feel.

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